Wie schmecken Piranhas? – Der Amazonasdschungel Kolumbiens

Ich war total aufgeregt! Ich hatte den Entschluss gefasst nach Leticia, Kolumbien zu fliegen, um den Amazonas zu erkunden. Seitdem träumte ich jede Nacht von Anakondas, Piranhas und – ganz Klischee – von wilden Einheimischen, die mit Speeren auf mich warten.

Leticia ist die südlichste Stadt Kolumbiens und liegt direkt am Dreiländereck Kolumbien – Brasilien – Peru. Man kann nach Tabatinga, Brasilien spazieren, sich ein Boot auf die andere Flussseite nach Santa Rosa in Peru nehmen oder doch in Kolumbien bleiben. Zum Spaß habe ich ein kleines Länderhopping veranstaltet. Wann kann man schon mal behaupten innerhalb von einer Stunde in 3 Ländern unterwegs gewesen zu sein? Aber ich schweife ab….

 

Zurück zum Dschungelabenteuer!

  

Über Facebook habe ich eine Amazon Jungle Tour für 650.000 Pesos (184,60€) für 3 Tage und 2 Nächte in Loma Linda gefunden und sofort über Email gebucht. Eine kolumbianische Familie bietet diese Tour in Loma Linda an, einem kleinen Dorf mitten im Dschungel, das man nur mit dem Boot von Leticia aus erreicht.

Tagesplan in der einheimischen Familie im Dschungel

Tag 1

  • Abholung um 7 Uhr & Frühstück
  • Rundgang durch Loma Linda & Mittagessen
  • Tour durch den Dschungel
  • Abendessen
  • Kurze Nachtwanderung

Tag 2

  • Frühstück
  • Fische fangen mit dem Netz (als Köder für die Piranhas)
  • Piranhas angeln
  • Pinke Delphine gucken
  • Mittagessen, Ausruhen und Packen fürs Camping
  • Wanderung zum großen La Ceiba Baum – Campingplatz
  • Zeltaufbau und Lagerfeuer
  • Essen des selbstgefangenen Piranhas
  • Nachtwanderung

Tag 3

  • Heiße Schokolade & Rückweg zum Dorf
  • Frühstück
  • Kaimane fangen 
  • Mittagessen
  • Rück- oder Weiterfahrt mit dem Boot

Soweit zur Theorie und jetzt die Praxis.

 

Tag 1 - Wie spät ist es eigentlich?

Pünktlich um 6 Uhr beim Hahnenschrei meines Weckers springe ich aus der Koje und bin bereit für den Dschungel. Draußen schüttet es wie aus Eimern, aber ich habe trotzdem richtig gute Laune: Kein Dschungelabenteuer wäre echt, ohne einen ordentlichen Regenguss.

6:45 Uhr, gleich geht’s los, ich werde gleich abgeholt. Man bin ich aufgeregt!

6:55 Uhr, ich tigere vor Vorfreude durch das Zimmer.

7:00 Uhr, wohoooo…jetzt geht’s los!

7:15 Uhr ist immer noch niemand da… ich gehe raus. Im Hostel ist niemand und das Tor ist verschlossen. SHIT! Die müssen doch gleich da sein, um mich abzuholen. Was, wenn die jetzt kommen und ich kann nicht raus? In voller Panik rufe ich die Nummer vom Hostel an. Ein völlig verschlafener Rezeptionist geht ans Telefon und ich sprudele los:

„Wo bist du? Ich kann nicht raus! Und gleich kommt jemand, der mich abholt!!“ Völlig verschlafen meint er, es sei gerade 6:15 Uhr, aber er macht sich gleich auf den Weg. Wie? Es ist erst 6:15Uhr??? Ich bin verwirrt … Wie kann das sein? Ich google nach der aktuellen Uhrzeit und tatsächlich, es ist erst kurz nach 6. Ich checke die Settings meines iPhones und sehe, dass es die Zeitzone auf Brasilien umgestellt hat. Das hat man davon, wenn man so nah an der Grenze schläft. Na gut, dann eben noch mal ne Runde Zwangsliegen, denn schlafen kann ich nicht mehr.

 

45 Minuten später – jetzt wirklich um 7 Uhr – werde ich im Tuk Tuk abgeholt. Im strömenden Regen fahren wir zum Hafen. Das Boot Richtung Loma Linda fährt täglich um 8 Uhr, 10:30 Uhr und 13:30 Uhr. Man fährt ca. 1 Stunde und ohne Tour kostet die Bootsfahrt 18.000 Pesos (5,20€).

In Loma Linda werde ich von Oskar empfangen, einem der Söhne der Familie und mein Guide. Ich lerne die Familie, bestehend aus Eltern, drei Söhnen mit Frauen und Kindern, kennen und beziehe mein Zimmer in einem Nachbarhaus bei einem der drei Söhne. Die Gemeinde in Loma Linda ist sehr klein und wurde erst vor 23 Jahren von Oskars Papa gegründet. Es gibt dennoch eine Kirche, eine Grundschule und eine kleine Tienda (einen Tante Emma Laden).

 

Zum Frühstück gibt es frittierten Fisch mit Platano (einer Koch-Bananenart) und Reis. Überhaupt gibt es immer Fisch, Platano und Reis – morgens, mittags, abends und auch zwischendurch. Nur die Zubereitung der Zutaten variiert. Ob man nun Fisch mag oder nicht – und ich bin eigentlich Vegetarier und habe bis vor 2 Monaten keinen Fisch gegessen – es ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig gleich morgens einen Fisch zu verputzen. 


Nach dem Frühstück führt Oskar mich durch das Dorf und erklärt mir die unterschiedlichsten Pflanzen, Bäume und Früchte. Hier werden viele Bäume beispielsweise für medizinische Zwecke verwendet. So gibt es eine bestimmte Wurzel, die bei Blasenentzündung eingesetzt wird und eine andere heilt Hepatitis usw. Von manchen Früchten wusste ich noch nicht einmal, dass es Früchte sind. Super exotisch und sehr interessant.


La Ceiba - der größte Baum des Dschungels
La Ceiba - der größte Baum des Dschungels

Nach dem Mittagessen schlüpfe ich in meine geliehenen Gummistiefel, werfe mir lange Klamotten über, benebele mich mit Moskitospray und bin bereit für den Dschungel. Mitten im Dschungel geht meine Bildungsreise weiter: Oskar zeigt mir noch mehr exotische Heilkräuter und –bäume und erzählt mir die Legenden seines Volkes, den Tacuna. Für die Tacuna sind Bäume heilig. Sie glauben daran, dass unter Wasser eine Stadt existiert, deren Meeresbewohner menschliche Gestalt annehmen können. Zwischen seinen Erzählungen reicht er mir immer wieder mir unbekannte Früchte, die ich probieren soll. Die meisten schmecken sehr sauer und sehr lecker. Leider sehen wir keine Tiere. Die haben sich alle vor dem Regen versteckt, aber ich habe ja noch ein paar Tage hier.

 

Nach der abendlichen Portion Fisch, Platano und Reis ziehen wir mit Taschenlampen bewaffnet wieder in den Dschungel zur Nachtwanderung. Ich hoffe, ich begegne einer Anakonda! Wir stapfen los. Überall um uns herum hören wir die Geräusche des Dschungels: Es raschelt. Es zischt. Es quakt. Es knarzt. Überall können wir die Tiere hören, nur sehen können wir sie in dieser Nacht nicht … bis auf ein paar schlafende Schmetterlinge und ca. 1. Million hungriger Moskitos. Etwas enttäuscht schlafe ich ein. Es kann nur besser werden!

Tag 2 - Wie angelt man am besten Piranhas?

Nach dem Frühstück macht Oskar das Boot klar. Jetzt ist angeln angesagt. Klingt langweilig? Mitnichten! Wir sind im Amazonas! Und hier fängt man Piranhas!! Dazu müssen wir aber erst mal ihre Beute fangen. Also ab in peruanische Gewässer zum Fischen. Das geht ziemlich schnell hier: man dreht sich einmal um und ist in Peru. Herrlich! Vom Strand aus wirft Oskar das Netz aus und fängt gleich beim ersten Versuch 3 Fische. Ich versuche es auch und stelle fest, dass ich nicht so geschickt mit dem Netz bin wie Oskar. Na gut, na gut…sagen wir, ich bin froh, dass ich nicht alleine im Amazonas gelandet bin.

Zurück auf dem Boot schneiden wir die Fische in kleine Stücke und spießen sie auf die Angelhaken. Und jetzt heißt’s warten. Wir warten also und warten und warten … und gerade als ich die Hoffnung aufgeben will, zieht es ruckartig an meiner Angel. Ich halte dagegen, ziehe und zerre, reiße die Angel hoch und vor mir zappelt eine rote Piranha. Oskar warnt mich: „Nimm sie ja vorsichtig von der Angel! Wenn die sich losreißt und ins Boot fällt, dann lässt sie uns im Boot tanzen und wenn du Pech hast, geht einer deiner Zehen flöten.“ Ok, das bekomme ich hin! Ich packe das gefräßige Biest fest an der Seite und leg‘ es in den Eimer. ICH HABE EINE PIRANHA GEFANGEN! Und jetzt bin ich motiviert: Ich werfe die Rute nochmal ins Wasser und ziehe noch eine Piranha hoch … und noch eine! Es wären noch zwei mehr geworden, aber die hatten einen größeren Lebenswillen als ihre Kameraden und konnten sich losreißen. Ich bin stolz wie Oskar. Oskar hingegen hat kein Anglerglück und geht leer aus. Kein Problem! ich teile mein Abendessen selbstverständlich gerne mit ihm. Später erfahre ich, dass ich innerhalb von 5 Monaten erst die zweite Reisende bin, die erfolgreich Piranhas gefangen hat. 

Auf dem Rückweg machen wir einen Umweg, um rosa Delfine zu suchen. Und ja, du liest richtig. Hier im Amazonas sind Delfine pink! Sie kommen silbergrau zur Welt und verändern mit der Zeit ihre Färbung. Total Irre! Vielleicht weiß jemand von euch, warum?


Wir fahren zurück ins Dorf und packen alles für das Dschungelcamping, während Oskars Mama die Piranhas zubereitet. Um 16 Uhr ziehen wir vollbepackt gemeinsam mit Hernan, Oskars älterem Bruder, los und dringen immer tiefer in den Amazonas vor. Affen, Insekten und unzählige Vögel begleiten uns. Auf einmal warnt Oskar uns leise zu sein: wir nähern uns einem Anakondanest. JAAA! ENDLICH! Ich will eine Anakonda live sehen, denn ich kenne die Schlange nur aus diversen Serien. Vorsichtig und leise schleichen wir zu dem Graben. Oskar geht mit der Machete voraus und dann … das Nest ist leer. Oh man! Hat der Regenguss etwa die Schlangen vergrault?

 

30 Minuten später erreichen wir den Campingort am Fuße einer La Ceiba, dem größten Baum des Amazonas. Wir bauen die Zelte auf, zünden ein Feuer an und machen es uns auf unseren selbstgebauten Möbeln bequem. Es wird schnell dunkel und auf einmal funkelt und zirpt der Himmel um uns herum. Aber es sind keine Glühwürmchen, wie ich zuerst denke, sondern riesige Käfer mit zwei gigantischen grünleuchtenden Augen und einem orangeleuchtenden Hinterteil. In einer Tüte würden die Käfer bei dieser Leuchtkraft gute Laternen abgeben. Wir kochen unsere in Palmenblätter gewickelten Piranhas über dem Lagerfeuer und können endlich essen. Mmmhh... so eine Piranha schmeckt wirklich kööööstlich. Ob sie mir so gut schmeckt, weil ich diesen Raubfisch selbst gefangen habe? Mit vollen Bäuchen machen wir uns wieder auf in den Dschungel. Und in dieser Nacht habe ich mehr Glück: Ich sehe einen nachtaktiven Affen, jede Menge Insekten, Echsen, Frösche und vieles mehr. Der ganze Wald lebte und zeigt sich! Nur die Schlangen wollen immer noch nicht. Die giftigen Spinnen können die Anakondas nur geringfügig ersetzen. Allzu lange kann ich das schwarze, giftige Tierchen mit dem fetten, weißen Kreuz auf dem Rücken aber nicht bewundern, denn das Licht der Taschenlampe zieht so viele Moskitos an, dass man gefressen wird, wenn man nicht in ständiger Bewegung bleibt. Zurück im Camp erzählen mir die Brüder Gruselgeschichten und Legenden über Riesenaffen bevor wir uns in unsere Zelte verkriechen. In einer Geräuschkulisse aus Dschungel und Oskars Schnarchen, patschnass von der feuchten Luft des Regenwaldes, schlafe ich ein und träume von Riesenaffen und Riesenschlangen.

Tag 3 - Was gibt es zum Frühstück? Fisch? Achso....

Die ersten Sonnenstrahlen kitzeln uns wach und nach einem Kakao machen wir uns auf den Rückweg ins Dorf. Wir passieren wieder das Anakondanest und es ist immer noch leer. Nun gut! Es soll bei dieser Tour wohl nicht sein! Im Dorf serviert uns Oskars Mama die liebgewonnenen und mittlerweile vertrauten Fische mit Platanos und Reis und wir machen uns zum Schluss auf zum Kaiman-Gehege. Oskar fängt einen Kaiman ein und drückt ihn mir in die Arme, damit er ein Bild von uns beiden machen kann. Nun ja, etwas zu fangen, was bereits in Gefangenschaft lebt ist nicht sonderlich schwer, aber ich tue trotzdem so, als wäre das eine Topleistung gewesen. Mit aller Macht muss ich dem Kaiman den Kiefer zusammenhalten, damit mir nicht plötzlich meiner fehlt. In allen anderen Ländern wurde den Krokodilen für solche Bilder immer die Schnauze verbunden, aber ein bisschen gefährlich darf es schon mal werden. Schließlich bin ich hier ja im echten Dschungel.

Nachtrag - Ahhhh, mich hat was berührt!

Ich hatte Blut geleckt. Ich war heiß. Ich will den Dschungel noch weiter erforschen, also fahre ich mit dem Boot weiter von Loma Linda ins flussaufwärts gelegene Puerto Nariño. Ich finde einen einheimischen Guide, der mir anbietet, mich ein wenig durch den Amazonas zu führen. Wir tuckern über den Fluß auf der Suche nach den pinken Delfinen. Mein Guide erzählt mir die Legenden von den wundersamen Tieren:

 

Bei manchen indigenen Völkern hält sich der Glaube, dass ein ertrunkener Mensch zu einem Flussdelfin wird. Der Flussdelfin behält in diesem neuen Leben die Fähigkeit, sich bei gelegentlichen Landgängen zurück in einen Menschen zu verwandeln.

Einige Menschen glauben, dass der Amazonasdelfin nachts als gut aussehender junger Mann im weißen Anzug mit Hut an Land kommt und Ausschau nach jungen Mädchen hält. Darum wird jeder fremde junge Mann erstmal misstrauisch angesehen. Der so verwandelte Delfin verführt das junge Mädchen und verschwindet dann am nächsten Morgen wieder im Fluss als Delfin. Das Mädchen wird schwanger und schließlich kommt das Kind zur Welt. Es gibt wirklich Geburtsurkunden, in denen als Vater „Boto Cor de Rosa“  (Amazonasdelfin) eingetragen ist. (Quelle: Wikipedia)

 

Danach fischen wir nochmal Piranhas, und ich fange tatsächlich wieder zwei Stück! Dieses mal lasse ich sie aber wieder frei.

Auf einmal meint mein Guide: "Komm, wir gehen schwimmen!"

Ich: "Bist du verrückt? Ich habe hier gerade Piranhas geangelt..."

Guide: "Nein, keine Sorge. Wir sind ja hier in der Mitte des Flusses und die Piranhas sind nur in Ufernähe."

Ich: "Und was ist mit den Krokodilen und Anakondas??"

Guide: "Keine Sorge, die schwimmen meist unten am Boden entlang."

Ich: "Hm.... na gut."

Platsch!!!!

Da schwimme ich also im Amazonas. Das Wasser ist so trüb, dass ich nicht mal mehr meinen Bauch sehen kann. Auf einmal fühle ich etwas an meinem Fuß...

Ich: "Wie tief ist der Fluss hier eigentlich?"

Guide: "So 6 bis 7 Meter."

Ich klettere sofort wieder ins Boot, denn selbst ich komme dank Freediving locker 20m weit runter.... Aber gut, wer kann schon behaupten, dass er mal im Amazonas geschwommen ist?!

Warst du auch schon einmal im Dschungel und hast vielleicht sogar eine Anakonda gesehen? Ich würde mich riesig über eure Bilder und Erfahrungsberichte freuen!

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Kommentare: 1
  • #1

    Dööel (Montag, 20 August 2018 20:03)

    Sehr cool! Die Viecher, whua! Respekt, dass du in den Amazonas gesprungen bist. D: